Die Gouvernante und ihr geliebtes Ungeheuer

Die Gouvernante und ihr geliebtes Ungeheuer

Erscheinungsdatum: 1.10.2012
Originaltitel: „The Governess Affair
Eine Vorgeschichte zur Serie „Geliebte Widersacher“

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Vor drei Monaten ist die Gouvernante Serena Barton aus ihrer Stellung entlassen worden. Unfähig, eine neue Anstellung zu finden, verlangt sie Wiedergutmachung von dem Mann, der für ihre Kündigung verantwortlich ist: ein selbstsüchtiger, engstirniger und unmoralischer Herzog. Aber es ist nicht der Herzog, den sie fürchtet. Es ist sein gnadenloser Agent – der Mann, der gemeinhin nur als „das Ungeheuer von Clermont“ bekannt ist. Dem Respekt einflößenden ehemaligen Boxer eilt der üble Ruf voraus, die Drecksarbeit für den Herzog zu erledigen. Und als der Herzog ihm ihren Fall übergibt, hat sie eigentlich keine Chance. Aber sie kann einfach nicht aufhören, es trotzdem zu versuchen – nicht, solange ihre ganze Zukunft auf dem Spiel steht.

Hugo Marshall ist ein Mann von rücksichtslosem Ehrgeiz – eine Eigenschaft, die ihm bislang gute Dienste geleistet hat und dem Sohn eines einfachen Bergarbeiters zu seiner jetzigen Stellung als rechte Hand eines Herzogs verholfen hat. Als sein Arbeitgeber ihn beauftragt, die lästige Gouvernante loszuwerden, egal ob mit rechten Mitteln oder faulen Tricks, ist es nur ein ganz normaler Auftrag. Unseligerweise wirken die erlaubten Mittel bei Serena nicht, und während er sie näher kennenlernt, muss er feststellen, dass er es nicht erträgt, bei ihr faule Tricks anzuwenden. Aber alles, wofür er gearbeitet hat, hängt davon ab, dass er sie loswird. Er wird sich zwischen dem Leben, das er zu brauchen glaubt, und der Frau, die er zu lieben beginnt, entscheiden müssen …

Eine Kurzgeschichte: 36,000 Wörter.

„Wenn ich [Milans] Bücher lese, weiß ich, dass nicht nur etwas Gutes auf mich zukommt, sondern etwas Hervorragendes, Außergewöhnliches und Tiefgründiges.“

—Sarah Wendell, Smart Bitches, Trashy Books

„Eine wirklich dramatische Ausgangssituation. Die Annäherung der beiden geht langsam vonstatten und wirkt sehr glaubwürdig. Die Liebesgeschichte ist sehr romantisch und konnte mich überzeugen.“

Letannas Bücherblog

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Kapitel eins

London, Oktober 1835

IM OBEREN STOCKWERK WURDE die Tür zur Bibliothek wütend zugeknallt, sodass der ganze Türrahmen schepperte. Schwere Schritte durchquerten den Raum, kamen zu Hugos Schreibtisch. Jemand schlug mit der Faust auf die Holzplatte.

„Verdammt, Marshall. Sie müssen das hier in Ordnung bringen.“

Trotz des dramatischen Auftritts blickte Hugo Marshall nicht von seinen Büchern auf. Stattdessen wartete er schweigend, lauschte, wie die Stiefel eine Spur in den Teppich liefen. Er war kein Diener; er weigerte sich, sich wie einer behandeln zu lassen.

Nach einem Augenblick wurde seine Geduld belohnt. „Bringen Sie es bitte in Ordnung“, stieß der Duke of Clermont hervor.

Hugo hob den Kopf. Ein uneingeweihter Beobachter würde sich unweigerlich zuerst dem Duke of Clermont zuwenden, der offensichtlich der Herr der Lage war, prächtig anzusehen in einer Weste, die derart üppig mit Goldfäden durchwirkt war, dass es einem schier in den Augen wehtat. Dieser Beobachter würde den unauffällig gekleideten Mr. Marshall als unbedeutend abtun, dessen Aufmachung sich in dem Spektrum zwischen Braun und Dunkelbraun bewegte.

Der Vergleich würde nicht bei der Kleidung enden. Der Herzog war von stattlichem Körperbau, ohne Gefahr zu laufen, als fett bezeichnet zu werden; seine Züge waren scharf und aristokratisch. Er hatte nimmermüde eisblaue Augen, denen nichts zu entgehen schien. Verglichen mit Hugos unscheinbarem Gesicht und seinem sandbraunen Haar hätte dieser uneingeweihte Beobachter den Schluss gezogen, dass der Herzog es war, der hier die Befehle gab.

Der uneingeweihte Beobachter, entschied Hugo, war ein Dummkopf.

Hugo legte seinen Stift hin. „Ich war mir nicht bewusst, dass es irgendetwas gibt, was in Ordnung gebracht werden müsste.“ Höchstens die Sache mit Ihrer Gnaden. „Irgendetwas, was in meinen Aufgabenbereich fällt, meine ich.“

Clermont verströmte nervöse Gereiztheit. Er rieb sich die Nase auf eine Weise, die entschieden unmanierlich war. „Da ist noch etwas. Es hat sich erst heute Morgen ergeben.“ Er blickte aus dem Fenster, und sein Stirnrunzeln vertiefte sich.

Die Bibliothek in Clermonts Londoner Stadthaus befand sich im zweiten Stock des Gebäudes und verfügte über eine wenig anregende Aussicht. Aus dem Fenster gab es nichts, mit Ausnahme eines ganz gewöhnlichen Platzes in Mayfair zu sehen. Der Herbst hatte die grünen Blätter braun und gelb gefärbt. Ein schmaler Streifen verblassten Rasens und ein paar dürre Sträucher um eine gusseiserne Parkbank, auf der eine Frau saß. Ihr Gesicht war unter einem breitkrempigen Hut verborgen, der mit einem rosa Band verziert war.

Clermont ballte eine Hand zur Faust. Hugo konnte fast hören, wie er mit den Zähnen knirschte.

Aber seine Worte klangen nonchalant. „Also, falls ich mich weigere, mich den albernen Wünschen der Herzogin zu fügen, würden Sie dennoch alles wieder einrenken können, nicht wahr?“

Hugo bedachte ihn mit einem strengen Blick. „Denken Sie nicht einmal daran, Eure Gnaden. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.“

Der andere Mann verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. Seine Gnaden begriff seine derzeitige Lage wohl tatsächlich nicht; das war das Hauptproblem. Er war Herzog, und Herzöge hatten keine Ahnung von Wirtschaften. Gäbe es Hugo nicht, wären Clermonts ausgedehnte Besitzungen schon vor Jahren unter der Last seiner Schulden eingebrochen. Gegenwärtig waren die Bücher gerade so ausgeglichen – allerdings nur wegen der kürzlich erfolgten Heirat des Mannes.

„Aber sie ist so wenig amüsant“, wandte Clermont ein.

„Ja, und es wird ein feiner Witz sein, wenn das von Ihrem Besitz, was nicht unverbrüchlich zum Erbe gehört, gepfändet wird. Bringen Sie Ihre Herzogin dazu, dass sie Sie wirklich und wahrhaftig wieder in ihrem Leben haben will. Danach können Sie so viel lachen, wie Sie nur wollen, Euer Gnaden.“

Im Ehevertrag war eine Vorauszahlung in stattlicher Höhe vereinbart worden, aber das Geld war rasch verschwunden, war dazu verwendet worden, schon länger laufende Hypotheken und besorgniserregend hohe Schulden zu bedienen. Der Rest der beträchtlichen Mitgift der jungen Herzogin war von dem Vater des Mädchens treuhänderisch angelegt worden – es wurden in regelmäßigen Abständen Beträge ausgezahlt, solange der Herzog dafür sorgte, dass die Herzogin glücklich war.

Leider, denn die Herzogin war vor vier Monaten ausgezogen.

Clermont schmollte. Es gab keinen anderen Ausdruck dafür; seine Schultern sanken nach unten, und er trat gegen den Teppichrand wie ein bockiges Kind. „Und ich dachte immer, all meine Geldsorgen seien vorbei. Wofür habe ich Sie eigentlich angestellt, wenn nicht …“

„Alle Ihre Geldsorgen waren vorbei, Euer Gnaden.“ Hugo trommelte mit den Fingern auf den Schreibtisch. „Und wie oft muss ich Sie noch daran erinnern? Sie haben mich nicht angestellt. Wenn Sie mich angestellt hätten, würden Sie mir Lohn zahlen.“

Hugo hatte zu viel über die Aussichten des Herzogs gewusst, um sich auf irgendetwas so Witzloses wie ein Versprechen auf Lohnzahlungen zu verlassen. Lohnzahlungen konnten aufgeschoben werden; Wetten hingegen, die in das Wettbuch bei White’s eingetragen worden waren, galten unverbrüchlich.

„Ja“, maulte der Herzog, „und dazu gleich: Sie haben gesagt, alles, was ich tun müsste, sei eine reiche Erbin zu finden und zu ihr zu sagen, was nötig sei, um sie glücklich zu machen.“ Er betrachtete finster den Teppich unter seinen Füßen. „Das habe ich getan. Und jetzt schauen Sie sich an, wo ich gelandet bin – jede Schreckschraube ist der Ansicht, es sei ihr gutes Recht, mir Standpauken zu halten, wieder und wieder. Wann wird das nur aufhören?“

Hugo hob seinen Kopf und schaute Clermont in die Augen. Es dauerte nicht lange – nur ein paar Sekunden lang intensiven Starrens – und der Mann ließ den Kopf hängen und schaute weg, als sei er der Angestellte und Hugo sein Herr.

Es war peinlich. Ein Herzog müsste wissen, wie man etwas in die Hand nahm. Aber nein, Clermont hatte sich so daran gewöhnt, dass andere vor seinem Titel katzbuckelten, dass er es nie gelernt hatte, durch die Macht seiner Persönlichkeit irgendetwas zu erreichen.

„Es scheint hier zu einem Verständigungsproblem gekommen zu sein.“ Hugo legte seine gespreizten Hände aneinander. „Ich habe nie zu Ihnen gesagt, dass Sie sagen sollten, was auch immer nötig sei, um sie glücklich zu machen.“

„Doch! Sie haben gesagt …“

„Ich habe Ihnen geraten, zu tun, was auch immer nötig sei, um sie glücklich zu machen.“

Manchmal war Clermont wie ein kleines Kind – als ob ihm niemand jemals beigebracht hätte, was richtig und was falsch war. Jetzt zog er verdrießlich die Nase kraus. „Und was soll da der Unterschied sein?“

„Was Sie gesagt haben, war, dass Sie sie für immer und ewig lieben werden. Was Sie jedoch getan haben, war, sie zu heiraten und sich drei Wochen später eine Balletttänzerin als Geliebte zuzulegen. Sie wussten schließlich, dass Sie dafür sorgen mussten, dass das Mädchen glücklich ist. Was haben Sie sich dabei eigentlich gedacht?"

„Ich habe ihr ein Armband geschenkt, als sie sich beschwert hat! Woher sollte ich denn ahnen, dass sie eheliche Treue von mir erwartet?“

Hugo wandte sich wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu. Selbst sein eigener unbeweint verstorbener Vater hatte das mit der Treue geschafft: ganze sechzehn Kinder lang, um genau zu sein. Aber es war nicht der rechte Zeitpunkt, den Herzog an sein Heiratsversprechen zu gemahnen. Er seufzte.

„Gewinnen Sie sie zurück“, sagte er leise. Es war letztlich ja auch seine Zukunft, die hier auf dem Spiel stand. Schließlich war er kein Angestellter, der für seine harte Arbeit einen Lohn erhielt. Er arbeitete auf Basis einer Art Erfolgsbeteiligung – eine Wette, um genau zu sein, in der Sprache des finanziell unterbelichteten Herzogs. Wenn es ihm gelang, den Herzog durch dieses Jahr zu bringen, ohne dass der finanziell ruiniert war, würde er fünfhundert Pfund gewinnen. Das war nicht nur einfach Geld. Diese fünfhundert Pfund würden der Grundstein sein, auf dem er sein eigenes Imperium errichtete.

In dieser Hoffnung hatte er drei Jahre hart gearbeitet. Wenn er es sich erlaubte, flüchtig daran zu denken, dass er am Ende vielleicht verlieren könnte … Fast konnte er die schattenhafte Gestalt seines Vaters über sich stehen sehen. Du verdammter nutzloser Dummkopf. Du wirst es nie zu etwas bringen, nie jemand sein.

Er schüttelte den Kopf, drängte diesen dunkleren Gedanken entschlossen beiseite. Er würde nicht einfach nur jemand sein, er würde der reichste Bergarbeitersohn sein, den es in ganz England gab.

Aber Clermont wich seinem Blick aus. Statt Hugo in die Augen zu sehen, schaute er aus dem Fenster, runzelte die Stirn. „So einfach ist es nicht.“

Diese Frau saß immer noch auf der Bank. Sie hatte ihren Kopf zur Seite gedreht, sodass Hugo einen flüchtigen Blick auf ihr Profil erhaschte – eine Stupsnase und ein wenig Rosa, wo ihre Lippen waren.

„Sehen Sie“, brummte Clermont, „da war diese Gouvernante.“

Hugo verdrehte die Augen. Jedes Geständnis, das so begann, konnte nicht gut ausgehen.

Clermont gestikulierte. „Es ist im Sommer passiert, als ich mich um Geschäfte auf Wolverton Hall kümmern musste.“

Hugo übersetzte das im Geiste: Der Herzog hatte sich mit seinen dämlichen Freunden hemmungslos betrunken, nachdem seine Ehefrau ihre Sachen gepackt hatte und sein Schwiegervater seine einst so großzügig geöffnete Börse zugeschnürt hatte. Aber es war witzlos, von dem Mann Ehrlichkeit zu verlangen. Er würde sie nie bekommen.

„Wie auch immer“, fuhr Clermont fort und deutete auf die Bank draußen, „das da ist sie. Sie wartet. Sie verlangt Entschädigung von mir.“

„Wie bitte?“ Hugo schüttelte verwirrt den Kopf.

Der Herzog schnaubte verärgert. „Muss ich es buchstabieren? Sie will etwas von mir.“

Hatte er den Herzog mit einem Kind verglichen? Eher ein Kleinkind, das traf es besser. Hugo bemühte sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Zwischen den Geschäften in Wolverton und einer Gouvernante, die vor Ihrem Stadthaus wartet und Entschädigung verlangt, fehlt eine Reihe von Ereignissen, um eine Verbindung herzustellen. Wofür verlangt sie Entschädigung? Wer hat Sie darauf hingewiesen?“

„Sie hat mich eben gerade erwischt, als ich heimkam von … ist ja auch egal, wo ich war“, berichtete der Herzog. „Sie war auf der Straße, wartete auf die Ankunft der Kutsche.“

„Und, was will sie?“, hakte Hugo nach.

Clermont lachte wenig überzeugend. „Nichts. Wirklich nichts. Ich … äh, in Wolverton Hall habe ich gesehen, wie gut sie mit den kleineren Kindern umgehen konnte. Daher habe ich ihr eine Stelle angeboten, für meinen Sohn hier.“

„Ihr bislang noch ungeborenes Kind.“

„Ja“, murmelte Clermont. „Genau. Und daher hat sie ihre Stelle in Wolverton Hall gekündigt. Und dann konnte ich ihr hier keine Arbeit anbieten, weil die Herzogin ausgezogen war. Und jetzt ist sie auch wütend.“

Die Geschichte klang noch nicht einmal entfernt glaubhaft. Hugo spielte kurz mit dem Gedanken, Seine Gnaden der Lüge zu bezichtigen. Aber das würde nichts nützen; die Erfahrung der letzten Jahre hatte ihn gelehrt, dass wenn der Herzog sich erst einmal eine Geschichte ausgedacht hatte, er verbissen daran festhielt, egal wie viel Löcher man ihm darin aufzeigte.

„Sie sagt, sie werde dort sitzen bleiben, bis sie ihre Entschädigung erhalten habe“, erklärte Clermont. „Und ich glaube, es ist ihr ernst damit. Sie sehen, in welcher Zwickmühle ich mich hier befinde. Wenn alles gut geht, bringe ich die Herzogin in ein paar Wochen zurück. Das hier ist ein teuflisch schlechter Zeitpunkt. Das alte Mädchen wird denken …“

„Dass Sie eine Bedienstete verführt und ruiniert haben?“, fragte Hugo trocken. Das war wenigstens das, worauf er sein Geld setzen würde.

Aber Clermont wurde noch nicht einmal rot. „Richtig“, sagte er. „Man kann klar erkennen, die bloße Vorstellung ist schon absurd. Selbstverständlich habe ich nichts dergleichen getan – das wissen Sie, Marshall. Aber so, wie die Dinge nun einmal liegen, muss sie verschwunden sein, wenn ich zurückkomme.“

„Haben Sie sie gezwungen?“, erkundigte Hugo sich.

Clermont wurde bei der Frage rot. „Himmel, Marshall. Ich bin Herzog. Ich habe es schlicht nicht nötig, Frauen zu irgendetwas zu zwingen.“ Er runzelte die Stirn. „Was kümmert Sie das überhaupt? Man nennt Sie schließlich nicht wegen Ihres Gewissens das Ungeheuer von Clermont.“

Nein, das tat man nicht. Aber Hugo hatte noch eines. Er versuchte nur, sich nicht daran zu erinnern.

Hugo blickte aus dem Fenster. „Leicht genug. Ich lasse sie von den Konstablern wegen Landstreicherei oder Erregung öffentlichen Ärgernisses entfernen.“

„Äh … nein.“ Clermont hüstelte.

„Nein?“

„Ich würde nicht unbedingt sagen, es sei eine gute Idee, sie in einen Gerichtssaal zu bringen. Sie wissen doch, da sind überall diese Zeitungsschreiber, die auf der Suche nach Schlagzeilen sind. Jemand könnte Fragen stellen. Am Ende denkt sie sich noch Sachen aus. Und während ich sicherlich alle Gerichtsuntersuchungen im Keim ersticken kann, was, wenn etwas davon zu Helen dringt? Sie wissen doch, wie empfindlich sie ist, wenn es um andere Frauen geht.“

Nein, von dem Mann war nichts Nützliches in Erfahrung zu bringen. Hugo seufzte. „Sie haben mit ihr gesprochen. Was für eine Entschädigung will sie denn?“

„Fünfzig Pfund.“

„Ist das alles? Wir können …“

Aber Clermont schüttelte den Kopf. „Sie will nicht nur das Geld. Das, was sie will, kann ich ihr nicht geben. Sie werden Sie dazu bewegen müssen, dass sie geht. Und meinen Namen dabei aus der Klatschpresse heraushalten, ja?“

Hugo presste verärgert die Lippen aufeinander.

„Schließlich“, sagte Clermont, während er zur Tür ging, „steht meine gesamte Zukunft auf dem Spiel. Wenn ich zurückkehre, erwarte ich, dass Sie diese ganze unselige Affäre mit der Gouvernante aus dem Weg geräumt haben.“

Es war beileibe nicht so, als hätte Hugo die Wahl. Seine Zukunft stand ebenfalls auf dem Spiel, ebenso wie Clermonts. „Betrachten Sie die Sache als erledigt.“

Clermont nickte nur und verließ den Raum, überließ es Hugo, die Bank auf dem Platz unten zu betrachten.

Die Gouvernante saß da, wandte den Kopf, um den Leuten nachzusehen, die auf dem Bürgersteig vorbeigingen. Sie sah nicht aus, als würde sie gleich hysterisch werden. Vielleicht hatte Clermont ihr gar nicht so ein großes Unrecht zugefügt, und es konnte ihm gelingen, die Sache im Laufe eines Gespräches zu lösen. Das hoffte er wenigstens, um ihretwillen.

Weil wenn Reden nicht half, dann würde er ihr das Leben zur Hölle machen müssen.

Und er hasste es, wenn er das tun musste.

FÜR MISS SERENA BARTON war es schon unter den günstigsten Umständen schwer, still zu sitzen; heute war am Nachmittag ein kalter Wind aufgekommen, der Wolken vor sich über den Himmel trieb und damit den Tag des Sonnenlichts beraubte. Die Brise wehte raschelnd welke Blätter über das Kopfsteinpflaster. Er fuhr durch ihre dünne Pelisse, und sie musste sich sehr beherrschen, sich nicht die Arme um den Oberkörper zu schlingen. Dennoch zwang sie sich, ruhig sitzen zu bleiben, den Rücken gerade. Sie würde nicht erfrieren; es würde ihr nur sehr kalt werden. Das war nichts, was eine Tasse heißen Tees nicht wieder in Ordnung bringen konnte, wenn sie heute Abend zu den Räumen ihrer Schwester zurückkehrte.

Sie blickte aus dem Augenwinkel zu dem kleinen Grüppchen, das sich am Seiteneingang zum Stadthaus des Duke of Clermont gebildet hatte. In der ruhigeren Zeit am späten Nachmittag waren ein paar Bedienstete gekommen; sie standen zusammen und starrten zu ihr herüber. Zweifellos wussten sie, dass sie mit Clermont gesprochen hatte. Sie zählte auf ihren Klatsch. Spekulationen würden dem Mann unangenehmer sein als ein schlichter Bericht der wahren Ereignisse. Und ihre einzige Hoffnung bestand darin, ihn in möglichst große Verlegenheit zu bringen. Mutmaßungen führten zu Klatsch, und aus Klatsch würde Tadel und Verurteilung entstehen.

Drei Zimmermädchen in berüschten Schürzen flüsterten miteinander, als ein Mann um die Ecke kam und den Bürgersteig betrat. Er schien sie gar nicht zu bemerken, aber das Grüppchen warf nur einen Blick auf ihn und zerstreute sich rasch; alle verschwanden eilig in ihren Häusern, wie Hennen, die vor einem Falken, der über ihnen zu kreisen begann, flohen.

Er sah nicht wie ein Aristokrat aus. Er trug einen braunen Anzug, einfach gearbeitet, und ein Halstuch, das er zu einem schlichten Knoten gebunden hatte. Sein Leinen war nicht so schneeweiß, wie es die Reichen bevorzugten; seine Manschetten sahen sauber aus, aber – wie weißer Stoff es beim Waschen nun einmal zu tun pflegte – zu einem Elfenbeinton vergilbt. Er blieb auf der Straße genau gegenüber von ihr stehen, hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.

Drei Monate lang hatte Serena sich gefragt, wo sie falsch gehandelt hatte – was sie anders hätte machen müssen, um das Schicksal zu vermeiden, das sie ereilt hatte. Sie war alles tausende Male durchgegangen, jeden Schritt, den sie getan hatte, und hatte nach dem Fehler gesucht.

Vor drei Monaten war sie schwach gewesen, als der Herzog ihr zum ersten Mal begegnet war – sie hatte den Blick vor jedem Mann gesenkt. Einfach weil er größer und stärker war als sie, war stumm geblieben, weil es sich nicht ziemte zu schreien. Aber Serena war damit fertig, schwach zu sein.

Heute Morgen hatte sie den Blick des Herzogs erwidert, hatte nicht mit der Wimper gezuckt, während sie ihm fest in die Augen schaute und ihre Drohungen ausstieß. Jetzt konnte sie alles schaffen.

Und dieser Mann war kein Herzog.

Daher erwiderte sie seinen Blick. Ich habe keine Angst vor dir, dachte sie. Und wenn die Klammheit ihrer Hände auch etwas anderes verriet, so bestand dennoch keine Notwendigkeit, ihm das mitzuteilen.

Aber er war nur ein Arbeiter, wenn sie die mittlere Stoffqualität seines Rockes richtig einschätzte. Alles an ihm war durchschnittlich. Er war nicht sonderlich groß, aber auch nicht klein. Er war weder dünn noch dick. Das Höchste, was sie sich vorstellen konnte, was irgendjemand über ihn sagen könnte, wäre wohl, dass er fast schon ansteckend durchschnittlich wirkte.

Er sah sicher aus. Ein absolut alberner Gedanke, keine Frage. Dennoch erwiderte Serena seinen Blick, lächelte und nickte dem Mann höflich, aber leicht herablassend zu.

Er überquerte die Straße, kam zu ihr.

Er war so wenig bemerkenswert wie die Büsche, die den Platz säumten. Er hatte ein Allerweltsgesicht, das so vertraut wirkte, dass es jedem hätte gehören können. Er erwiderte ihr Lächeln freundlich und unaufdringlich.

Darauf ging sie nicht ein. Sie war nicht nett, sie war nicht leicht zu haben, und sie war es leid, Opfer zu sein. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu – ein Heben ihrer Augenbraue, das ihm eindeutig sagte: Verschwenden Sie bloß nicht meine Zeit.

Ein Mann, der so gewöhnlich war, wie dieser hier, hätte sich von ihrem Gesichtsausdruck abschrecken lassen müssen. Aber er kam einfach zur Bank und setzte sich, ohne lange zu fragen, neben sie.

„Netter Tag“, bemerkte er.

Seine Stimme war wie sein Gesicht: nicht zu hoch und nicht zu tief. Er hatte nicht die gedehnte leicht träge Sprechweise des Adels; in seiner Sprache schwang etwas mit, das sie vage an den Norden des Landes erinnerte.

„Ach ja?“ Es war kein netter Tag – nicht, wenn man wie sie lange genug hier draußen gesessen hatte, dass die Nasenspitze ganz rot geworden war. Nicht, wenn sich wie bei ihr ein wildfremder Mann neben einen setzte und eine Unterhaltung anfing.

Sie drehte sich zu ihm um und runzelte die Stirn.

Er beobachtete sie mit einem rätselhaften kleinen Lächeln. „Ich glaube, es gibt keinen guten Weg, von hier aus weiterzumachen.“

Sie seufzte. „Sie sind wegen des Klatsches gekommen, nicht wahr?“

„Das könnte man so sagen.“ Er verspannte sich, dann sah er ihr ins Gesicht. „Mein Name ist übrigens Hugo Marshall.“ Er warf ihr die Vorstellung hin, dann lehnte er sich zurück, als wartete er auf ihre Antwort.

War er ein wichtiger Mann? Sie erinnerte sich an die Dienstboten, die sich rasch entfernt hatten, als er gekommen war. Vielleicht war er so etwas wie ein Anwalt, der andere anschwärzen konnte. Oder Butler, der die Einhaltung von Regeln überwachte. Er sah eigentlich zu jung aus, um hier in Mayfair schon Butler zu sein, aber was auch immer er war, er würde nicht einfach weggehen.

Sie hätte eine Frau bevorzugt, um die Gerüchteküche in Gang zu bringen – es fiel ihr leichter, mit Frauen zu reden. Aber vielleicht würde der hier auch gehen.

„Miss Serena Barton“, sagte sie schließlich. „Ich nehme an, alle wollen wissen, warum ich hier bin.“

Er zuckte die Achseln, schenkte ihr ein weiteres nettes Lächeln. „Ich habe keinerlei Interesse an irgendwem“, antwortete er glatt. „Aber ich wünschte, Sie würden meine persönliche Neugier befriedigen. Die Schilderungen, die mir zu Ohren gekommen sind, klingen reichlich verworren.“

Sie hatte nicht die Absicht, bei ihm irgendwas zu befriedigen. Wegen ihres Schweigens hatte sie einen schlimmen Schicksalsschlag einstecken müssen – war in Schande geraten. Jetzt war sie an der Reihe, auszuteilen.

Der Duke of Clermont hatte ihr gesagt, sie solle den Mund halten. Das würde sie.

„Schilderungen? Was für Schilderungen?“, fragte sie.

„Ich habe gehört, Sie seien Clermonts ehemalige Mätresse.“

Als Kommentar dazu hob sie eine einzelne Augenbraue. Schweigen war ein zweischneidiges Schwert. So konnte es beispielsweise auch Schaden anrichten, wenn man darauf verzichtete, ein Gerücht abzustreiten. Sie wünschte Clermont viel Freude an ihrem Schweigen.

Er trommelte mit den Fingern auf die Armlehnen der Bank, erwiderte ihren Blick. „Ich habe gehört, dass Sie Gouvernante seien und dass Clermont Ihnen eine Stellung für sein ungeborenes Kind angeboten habe. Als er einen Rückzieher machte, haben Sie sich entschlossen, hier draußen auf der Bank zu sitzen, um ihn zu beschämen, weil er den Vertrag gebrochen hat.“

Das war derart albern und weit hergeholt, dass sie nicht anders konnte, als laut zu lachen.

Er seufzte. „Nein“, sagte er. „Natürlich nicht.“

Wenn der Klatsch sich in Richtung Vertragsbruch bewegte, brauchte sie eine neue Strategie. Aber Serena strich sich einfach die Röcke über ihren Knien glatt. „Wie amüsant“, sagte sie. „Reden Sie doch weiter. Was sonst noch?“

Er schob seine behandschuhten Hände ineinander und schaute nach unten. „Ich habe gehört, Clermont habe Sie vergewaltigt.“ Das letzte Wort klang wie ein dumpfes Grollen.

Serena unterdrückte einen Schauder. Sie zuckte nicht zusammen – noch nicht einmal unter dem Schatten, der dabei über sie hinweg zog. „Glauben Sie das alles?“

„Ich glaube nichts davon, nicht ohne Beweise. Erzählen Sie mir, was wirklich geschehen ist, Miss Barton, vielleicht kann ich Ihnen dann helfen.“

Sie hatte dem Herzog heute Morgen alles erzählt. Er hatte gelacht und ihr gesagt, sie solle gehen und den Mund halten. Es war das zweite Mal, dass er von ihr verlangte, still zu sein. Daher hatte sie versprochen, zurückzukommen – in Schweigen, nichts als anklagendem Schweigen. Wochen über Wochen, in denen sie praktisch auf seiner Türschwelle saß und in denen sich alle wunderten, warum sie das tat. Wenn die Gerüchte zu seiner Ehefrau zu dringen drohten, würde er sich seiner Verantwortung stellen müssen.

Sie betrachtete Mr. Marshall. Trotz all seiner lächelnden Freundlichkeit war er geradeheraus. Er kam gleich zum Kern der Sache und fragte sie offen. An der Art und Weise, wie er sie anschaute, konnte sie erkennen, dass er eine Antwort erwartete.

Auf den zweiten Blick, stellte sie fest, war er doch nicht so gewöhnlich, wie sie anfangs gedacht hatte. Seine Nase war einmal gebrochen gewesen. Sie war gerichtet worden, aber nicht wirklich sorgfältig, sodass in der Mitte ein Höcker geblieben war. Und obwohl er keineswegs fett war, waren seine Schultern doch breiter, als sie es je bei einem Butler gesehen hatte.

„Es tut mir leid, Mr. Marshall“, erwiderte sie. „Aber das werde ich nicht sagen."

„Oh?“ Er wirkte leicht verwirrt. „Sie werden es auch mir nicht verraten?“

„Ich wage es nicht.“ Sie schenkte ihm noch ein Lächeln. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihre Neugier anfache, aber ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun können. Guten Tag.“

Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich durch sein braunes Haar. „Gibt es irgendeinen Grund für Geheimnistuerei? Ich werde mich mit Ihnen auch mitten in der Nacht treffen, wenn das nötig ist, um die Sache zu einem befriedigenden Ende zu bringen. Ich hatte gehofft, es wäre so leicht.“

Ihr Lächeln gefror. „Nein“, hörte sie sich entschlossen antworten. „Neuerdings treffe ich mich nur am hellen Tag. Ich habe nicht vor, übervorsichtig zu sein, aber wenn ich meine Wäsche in aller Öffentlichkeit wasche, sozusagen, wäre es möglich, dass man mich wegen übler Nachrede anklagt. Daher muss ich auf der Hut sein.“ Das war die richtige Note, um die Gerüchte in Gang zu bringen – anzudeuten, dass sie über die Mittel verfügte, den Namen des Herzogs zu verunglimpfen, ohne dass sie ins Detail gehen musste.

Aber er stellte keine Mutmaßungen an. Er lehnte sich einfach zurück, und die Eisenbank knarzte leise. „Glauben Sie, Clermont würde Sie anklagen, weil Sie mit mir sprechen?“

„Oh, sicherlich nicht Clermont selbst. Aber sein Agent … Wer kann schon wissen, wie weit er gehen würde, um das Geheimnis des Herzogs zu schützen?“

„Sein Agent“, wiederholte Mr. Marshall, legte seinen Hut neben sich auf die Bank. „Sie wollen nicht mit mir reden, weil Sie Angst haben von dem Agenten des Herzogs?“

„Sie haben doch sicherlich von ihm gehört. Man nennt ihn das Ungeheuer von Clermont.“

„Man … was?“ Er lehnte sich vor.

„Das Ungeheuer von Clermont“, wiederholte sie. „Der Herzog greift auf ihn zurück, wenn er Dinge erledigt haben will, Sachen, die ein gewöhnlicher Mann, dem vielleicht sein Gewissen im Weg stünde, nicht tun würde.“

Er starrte sie eine Weile schweigend an. Dann, langsam, ganz langsam, nahm Mr. Marshall seinen Hut, drehte ihn in seinen Händen. „Ah“, sagte er. „Das Ungeheuer von Clermont. Kennen Sie den Kerl?“

„Oh ja.“

Er machte einen Laut, der höfliche Ungläubigkeit zum Ausdruck brachte.

„Nur aus der Klatschpresse“, erklärte sie. „Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt. Aber er hat den übelsten denkbaren Ruf. Er war Boxer, bevor er sich der Geschäfte des Herzogs angenommen hat. Und nach dem, was ich gehört habe, hat er die Angelegenheiten Seiner Gnaden mit der Effizienz und Sicherheit erledigt, die man von einem Mann erwarten darf, der sich seinen Lebensunterhalt im Boxring verdient hat. Man erzählt sich, er sei vollkommen rücksichtslos. Ich kann ihn förmlich vor mir sehen: ein untersetzter kräftiger Mann, nichts als Schultern, aber keinen Hals.“

„Nichts als Schultern“, wiederholte er leise. „Keinen Hals.“ Seine Hände hoben sich unwillkürlich, als hätten sie einen eigenen Willen, und berührten sein Halstuch. „Faszinierend.“

„Aber wenn Sie hier in der Nähe arbeiten, müssen Sie ihn doch schon gesehen haben. Habe ich nicht recht?“

Er lächelte wieder freundlich.

„Ja“, antwortete er leise. „Sie haben ihn genau beschrieben. Wenn ich Sie wäre, würde ich ihm nicht in die Quere kommen wollen. Ich würde es mir sehr gut überlegen. Und da Sie nicht reden wollen …“ Er hob den Hut hoch und setzte ihn sich auf den Kopf. „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Miss Barton. Und viel Glück.“

„Danke.“

„Danken Sie mir nicht“, erwiderte er. „Wenn Sie dem Ungeheuer von Clermont im Weg sind, wird Ihnen Glück nicht helfen. Es wird die Jagd für ihn nur interessant machen.“

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