Eroberung und Verführung

Eroberung und Verführung

Historical Gold von Cora Verlag — Erscheinungsdatum 24.7.2012
Originaltitel: „Unveiled
Band 1 in der Turner-Serie

Wie sehr verachtet Lady Margaret den künftigen Duke of Parford! Der Eindringling auf Parford Manor will ihre Familie ruinieren. Verkleidet als Hausmädchen wird sie ihn ausspionieren und sein Vorhaben vereiteln. Doch sein Lächeln verzaubert sie, in seinen Armen schmilzt sie dahin. Die Entscheidung droht ihr das Herz zu zerreißen. Steht sie zu ihrer Familie — oder zu dem Mann, der sie erobert hat?

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Taschenbuch: cora

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Textauszug

Somerset, August 1837

So also fühlte es sich an, ein siegreicher Held zu sein.

Ash Turner – einst schlicht Mr Turner, nun, solange die Angelegenheit im Oberhaus in der Schwebe war, der zukünftige Duke of Parford – lehnte sich im Sattel zurück, als er den Kamm des Hügels erreicht hatte.

Das Landgut, das er erben würde, lag vor ihm im Tal. Die Hügelkuppe, auf der er mit seinem Pferd stand, bot Ausblick auf sanft geschwungene grüne Sommerwiesen, die von Steinmauern und Hecken gleichsam in einen Flickenteppich unterteilt wurden. Am Straßenrand stand ein kleines Cottage. Er konnte das gedämpfte Flüstern der Bauernkinder hören, die nach draußen gekommen waren und ihn mit großen Augen anstarrten.

Im Laufe der letzten paar Monate hatte er sich daran gewöhnt, angestarrt zu werden.

Hinter ihm kam das Pferd seines Bruders stampfend zum Stehen. Von oben blickten sie hinab auf Parford Manor, ein eindrucksvolles vierstöckiges, fünfflügeliges Gebäude, dessen Fenster im Sonnenlicht glitzerten. Zweifellos hatte jemand einen Dienstboten beauftragt, nach Ash Ausschau zu halten. In ein paar Augenblicken würde das Personal auf die Vordertreppe treten und sich in Positur stellen, um den Mann zu empfangen, der ihr neuer Dienstherr werden sollte.

Den Mann, der eine Herzogswürde geraubt hatte.

Ein Lächeln huschte über Ashs Gesicht. Wenn er das Erbe erst einmal angetreten hatte, würde ihn niemand mehr aufhalten können.

„Du brauchst das nicht zu tun“, drang es von hinten an sein Ohr.

Niemand könnte ihn mehr aufhalten außer seinem kleinen Bruder, um genau zu sein.

Ash drehte sich im Sattel um. Mark hatte das Gesicht nach vorn gewandt, zu dem Herrenhaus unter ihnen. Er wirkte versonnen. Diese abgeklärte Konzentration ließ ihn uralt wirken, als fehlte nur noch der Bart eines Dorfältesten, um seine unerklärliche Weisheit zu unterstreichen, und gleichzeitig sah er unglaublich jung aus.

„Es ist einfach nicht richtig.“ Marks Stimme war bei dem Wind, der an Ashs Kragen zerrte, kaum zu hören.

Mark war sieben Jahre jünger als Ash, womit er in den Augen der Mehrheit als erwachsen galt. Aber trotz aller Erfahrungen, die er schon gemacht hatte, war es Mark irgendwie gelungen, sich einen Anschein beinahe schmerzlicher Reinheit zu bewahren. Er war Ashs Gegenteil – blond, während Ash dunkles Haar hatte, schlank, wohingegen Ash von jahrelanger harter Arbeit breite Schultern bekommen hatte. Vor allem aber wirkte Mark von Grund auf unschuldig, während Ash sich abgestumpft und verbraucht vorkam. Vielleicht war das auch der Grund, warum er als der ältere in diesem siegreichen Augenblick seine moralischen Beweggründe nicht näher unter die Lupe nehmen wollte.

Ash schüttelte den Kopf. „Du hast mich gebeten, dir für die letzten Sommerwochen ein Haus auf dem Land zu suchen, damit du Ruhe zum Arbeiten hast.“ Er breitete die Arme aus, die Handflächen nach oben. „Na bitte. Hier hast du es.“

Unten im Tal begannen die Dienstboten sich zu sammeln und auf der breiten Eingangstreppe Stellung zu beziehen.

Mark zuckte mit den Schultern, als ließe ihn dieser offensichtliche Wohlstand völlig kalt. „Ein Haus in Shepton Mallet hätte es auch getan.“

Ashs Magen verkrampfte sich. „Du gehst nicht nach Shepton Mallet zurück. Nie wieder gehst du dorthin. Glaubst du etwa, ich würde dich am Market Cross einfach aus der Kutsche werfen und dich den ganzen Sommer dir selbst überlassen?“

Da löste Mark endlich den Blick von dem Anwesen vor sich und sah Ash in die Augen. „Selbst du mit deinen hohen Anforderungen musst zugeben, dass das ein bisschen zu viel des Guten ist.“

„Meinst du, ich würde keinen guten Herzog abgeben? Oder billigst du die Methode nicht, mit der ich mir eine Sommereinladung ins herzogliche Herrenhaus verschafft habe?“

Mark schüttelte den Kopf. „Ich brauche das nicht. Wir brauchen es nicht.“

Und darin lag Ashs Problem. Er wollte seinen Bruder für sämtliche Entbehrungen entschädigen, die dieser in der Kindheit erlitten hatte. Er wollte jede entgangene Mahlzeit mit einem zwölfgängigen Dinner ausgleichen, tausend Paar Handschuhe schenken für jeden Winter ohne Schuhe. Unter Einsatz seines Lebens hatte er ein Vermögen aufgebaut, nur um seine Brüder glücklich zu machen. Und dann erklärten die beiden, sie seien mit ein paar schlichten Annehmlichkeiten durchaus zufrieden.

Schlichte Annehmlichkeiten würden Ashs Versagen nicht wiedergutmachen können. Daher hatte er es vielleicht ein wenig übertrieben, als Mark ihn endlich einmal um einen Gefallen gebeten hatte.

„In Shepton Mallet wäre es ruhig gewesen“, sagte Mark beinahe sehnsüchtig.

„Shepton Mallet ist so gut wie ausgestorben.“ Ash schnalzte seinem Pferd gerade in dem Augenblick, als der Wind sich legte. Das Geräusch, das als leiser Ansporn gedacht war, klang nun unangemessen laut. Das Pferd setzte sich hügelabwärts Richtung Herrenhaus in Bewegung.

Mark spornte seine Stute zum Trab an und folgte seinem Bruder.

„Du hast die Sache nicht zu Ende gedacht“, erklärte Ash, über die Schulter gewandt. „Wenn Richard und Edmund Dalrymple nicht länger erben können, stehst du als Erbe der Herzogswürde an vierter Stelle. Das bringt eine Menge Vorteile mit sich. Es könnten sich allerlei Gelegenheiten bieten.“

„So würdest du also umschreiben, was du im letzten Jahr getan hast? Dass sie ‚nicht länger erben können‘?“

Ash ignorierte diese Spitze. „Du bist jung. Du bist attraktiv. Bestimmt gibt es in Somerset viele hübsche Milchmädchen, die entzückt wären, einen Mann kennenzulernen, der so kurz vor der Herzogswürde steht wie du.“

Kurz vor dem Tor zum Park zügelte Mark sein Pferd. Ash verspürte leisen ärger ob dieser Verzögerung, doch auch er brachte sein Pferd zum Stehen.

„Sprich es aus“, verlangte Mark. „Sag, was du den Dalrymples angetan hast. Du hast diese Sache von Anfang an immer nur schöngeredet. Wenn du nicht einmal fertigbringst, es in Worte zu fassen, hättest du es niemals tun dürfen.“

„Himmel. Du redest ja, als hätte ich sie umgebracht.“

Doch Mark sah ihn nur an. Seine blauen Augen glühten. In dieser Stimmung und während die Sonne sein blondes Haar zum Leuchten brachte, wäre Ash nicht überrascht gewesen, wenn sein Bruder ein flammendes Schwert aus der Satteltasche gezogen und ihn für immer aus dem Garten Eden verbannt hätte. „Sprich es aus“, wiederholte Mark.

Außerdem bat sein kleiner Bruder ihn so selten um irgendetwas. Ash hätte Mark alles gegeben, was dieser sich wünschte, solange er es sich … nun ja, wünschte.

„Also schön.“ Er sah seinem Bruder in die Augen. „Ich habe dem Kirchengericht Beweise vorgelegt, dass der Duke of Parford bereits verheiratet war, als er sich mit seiner zweiten Frau vermählte, diese zweite Ehe also ungültig ist. Die Kinder, die dieser Ehe entsprossen, wurden für illegitim und erbunwürdig erklärt. Woraufhin der verhasste entfernte Vetter des Dukes – ich also – zum mutmaßlichen Erben wurde.“ Ash setzte sein Pferd wieder in Bewegung. „Ich habe den Dalrymples überhaupt nichts angetan. Ich habe nur ans Licht gebracht, was ihr eigener Vater ihnen vor langen Jahren angetan hat.“

Und dafür würde er sich nicht entschuldigen.

Mark schnaubte und spornte sein Pferd an. „Du hättest es nicht tun müssen.“

Doch, das hatte er. Ash glaubte nicht an Vorhersagen und spirituellen Hokuspokus, aber hin und wieder hatte er gewisse … Vorahnungen, auch wenn das Wort einen okkulten Beigeschmack hatte, der ihm nicht behagte. Besser vielleicht, man charakterisierte es als Gespür, als verriete ihm ein Naturtrieb tief im Innersten Wahrheiten, welche die menschliche Intelligenz, stumpf geworden durch die Zivilisation, nicht erkennen konnte.

Als er das von Parford herausgefunden hatte, war ihm mit überdeutlicher Gewissheit klar geworden: Wenn ich der neue Duke of Parford werde, kann ich meine Brüder endlich aus dem Gefängnis befreien, das sie für sich errichtet haben.

Sobald dies in der Waagschale lag, konnte es durch keinerlei moralische Bedenken mehr aufgewogen worden. Die enterbten Dalrymples hatten keine Bedeutung. Außerdem, was hatten Richard und Edmund seinen Brüdern nicht alles angetan? Also wirklich! Er vergoss keine Träne über deren Verlust.

Die Dienstboten hatten sich inzwischen versammelt und hielten sich kerzengerade, während Ash die Auffahrt hinauftrabte. Sie waren zu gut geschult, um ihn anzustarren, zu höflich, um eine feindselige Haltung einzunehmen. Höchstwahrscheinlich legten sie zu viel Wert auf ihren Lohn, sodass sie höchstens hinter vorgehaltener Hand über den Emporkömmling nörgelten, den ihnen das Gericht aufgezwungen hatte.

Lang würde es nicht dauern, bis sie ihn ins Herz geschlossen hätten. Das taten schließlich alle.

„Wer weiß?“, sagte er leise. „Vielleicht gefällt dir eines der Dienstmädchen. Du kannst haben, wen du willst.“

Mark warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Hebe dich, Satan, von mir!“, sagte er und schüttelte den Kopf.

Ashs Pferd kam zum Stehen, und er stieg langsam ab. Das Herrenhaus wirkte kleiner, als Ash es in Erinnerung hatte, und die honiggelbe Fassade machte keineswegs einen düsteren und einschüchternden Eindruck, sondern sah warm und freundlich aus. Das Haus hatte nichts mehr von der uneinnehmbaren Festung, die Ashs Erinnerungen jahrelang verdüstert hatte. Es war einfach nur ein Haus. Zugegeben, ein ziemlich großes Haus, aber nicht das dunkle, bedrohliche Gebäude, das ihn nicht mehr losgelassen hatte.

Die Dienstboten hatten sich ordentlich vor ihm aufgereiht. Ash nahm sie in Augenschein.

Nach seiner Schätzung standen über hundert Angestellte vor ihm, alle in Grau gekleidet. Ihm war ebenso nüchtern zumute, wie sie aussahen. Diese Leute waren jetzt von ihm abhängig – beziehungsweise würden es sein, wenn der gegenwärtige Duke verstarb. Er war für sie verantwortlich. Ihr Wohlergehen hing ab von seinen Launen, genau wie das seine einmal abhängig gewesen war von Parfords Launen. Es war eine große Verantwortung.

Ich werde es besser machen als dieser alte Mistkerl.

Es war ein Schwur, und es war ihm ebenso ernst damit wie mit dem letzten Versprechen, das er beim Anblick dieses alten Gemäuers gemacht hatte.

Er wandte sich dem Butler zu, um ihn zu begrüßen. Der Dienstbote tat einen Schritt nach vorn, und in diesem Augenblick sah er sie. Sie stand auf der obersten Treppenstufe, ein paar Zoll abseits von den anderen Angestellten. Sie hatte den Kopf hoch erhoben. Der Wind frischte auf, als hätte das gesamte Universum bis zu diesem Moment den Atem angehalten. Sie blickte ihn direkt an, und Ash hatte das Gefühl, als täte sich in seiner Brust ein riesiger Hohlraum auf.

Er hatte die Frau nie zuvor gesehen. Das war einfach nicht möglich, denn er hätte sich daran erinnert, wie ihr Anblick sich anfühlte, wie richtig sie sich anfühlte. Sie war hübsch, selbst wenn ihr Haar streng nach hinten gekämmt und unter dem weißen Spitzenhäubchen zu einem Knoten aufgesteckt war. Doch es war nicht ihr äußeres, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Ash hatte genug schöne Frauen zu sehen bekommen. Vielleicht waren es ihre Augen, die ihn so streng fixierten, als wäre er die Ursache allen übels auf dieser Welt. Es mochte auch daran liegen, wie sie das Kinn reckte, so unnachgiebig, so entschlossen, während all die anderen Gesichter ringsum Unsicherheit verrieten. Was es auch war, irgendetwas an ihr brachte tief in ihm eine Saite zum Erklingen.

Es erinnerte ihn an die Misstöne, die ein Orchester beim Stimmen der Instrumente verursachte: Dissonanz, die sich ganz plötzlich in Harmonie auflöste. Oder an das leise Grollen, mit dem sich ein Gewitter am Horizont ankündigte. An all das. Und doch an nichts von alledem. Es war reiner Instinkt, der ihn urplötzlich gepackt hielt. Sie. Sie.

Bisher hatte Ash seine Instinkte noch nie ignoriert – kein einziges Mal. Der Butler kam auf ihn zu, und er schluckte hart.

„Eines noch“, flüsterte er seinem Bruder zu. „Die Frau in der letzten Reihe, ganz rechts – die gehört mir.“

Bevor sein Bruder ihm einen strengen Blick zuzuwerfen oder Ash das prickelnde Gefühl unterdrücken konnte, das durch seine Adern rann, stand der Butler vor ihnen, verneigte sich und stellte sich vor. Ash atmete tief durch und konzentrierte sich auf den Mann.

„Mr … ich meine, My…“ Der Mann hielt inne, offensichtlich unsicher, wie er Ash anreden sollte. Da der Herzog noch am Leben war, war Ash einfach ein entfernter Vetter ohne eigenen Titel. Andererseits war er als Erbe des Herzogtitels zu ihnen gekommen, auf ausdrückliche Anordnung eines Gerichts. Ash konnte sich denken, was in dem Butler vorging: Sollte er riskieren, den Mann zu beleidigen, der möglicherweise sein nächster Dienstherr wurde? Oder sollte er sich streng an die Etikette halten?

Ash warf die Zügel einem Stallburschen zu. „Sie können mich einfach Mr Turner nennen. Es besteht keinerlei Anlass, sich Sorgen darüber zu machen, wie Sie mich ansprechen müssen. Ich weiß ja selbst kaum, wie ich mich nennen soll.“

Der Mann nickte, und seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. „Mr Turner, wünschen Sie zuerst eine Führung durch das Haus, oder möchten Sie und Ihr Bruder zunächst einen kleinen Imbiss einnehmen?“

Ashs Blick wanderte zu der Frau in der letzten Reihe. Sie begegnete seinem Blick. Ihre Miene wirkte unerbittlich, und ein merkwürdiger Schauer überlief ihn. Er empfand nicht direkt Lust, eher eine Vorahnung von Begehren, als raunte ihm der Wind, der an seinem Krawattentuch zerrte, leise ins Ohr: Nimm sie. Sie.

„Viel Glück“, brummte Mark. „Ich habe nicht den Eindruck, als könnte sie dich besonders gut leiden.“

Das hatte Ash bereits aus der Art geschlossen, wie sie das Kinn reckte.

„Keinen Imbiss“, sagte Ash laut. „Keine Verzögerung. Ich möchte alles wissen, je eher, desto besser. Ich werde auch mit Parford reden müssen. Am besten fange ich so an, wie ich weiterzumachen gedenke.“ Er warf der Frau einen letzten Blick zu und sah dann zu seinem Bruder. „Schließlich liebe ich die Herausforderung.“

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