Der Schlüssel zu deinem Herzen

Der Schlüssel zu deinem Herzen

Courtney Milan — Erscheinungsdatum 10.1.2011
Originaltitel: „Unlocked
Eine Kurzgeschichte, zwischen Band 1 und Band 2 in der Turner-Serie

Evan, den neuen Earl of Westfeld, plagen Schuldgefühle - durch sein Verhalten hat er Lady Elaine vor Jahren sehr wehgetan. Jetzt trifft er sie wieder und erkennt, dass es nur einen Weg für ihn geben kann: Er muss Wiedergutmachung leisten und hoffen, dass die liebreizende Elaine ihm verzeiht.

Elaine weiß nicht, was sie davon halten soll, dass ausgerechnet der Mann, der ihre erste Saison ruiniert hat, sich auf einmal derart um sie bemüht - oder darf sie ihm trauen und ihrem Herzen folgen?

Eine Kurzgeschichte: 29,000 Wörter.

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„Bei Weitem einer der tollsten Helden, von dem dieser Rezensent je gelesen hat ... Milans Talent, multidimensionale Charaktere und lebhafte Szenen zu beschreiben, bewährt sich hier wieder einmal ganz hervorragend; diese Geschichte wird Sie überraschen und entzücken.“

—RT Book Reviews

„Eine wirklich wundersch√∂ne und romantische Liebesgeschicht…“

buchverliebt

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Textauszug

Hampshire, Juli 1840

Es war Jahre her, seit Evan Carlton, Earl of Westfeld, das letzte Mal einen Ballsaal betreten hatte. Es war bloß ein mittelgroßer Saal auf dem Landsitz der Arlestons – ein Tanzabend auf einer Hausgesellschaft, kein großer Ball in London. Dennoch, während er oben auf der Treppe stand, verspürte er einen leichten Schwindel – als ob die breiten Stufen, die nach unten auf die Tanzfläche führten, in Wahrheit ein steiler Abhang wären. Ein falscher Schritt, und er würde abstürzen.

Dieses Mal hatte er jedoch kein Sicherungsseil.

Er blinzelte, und das Bild verschwand. Die Umrisse am Fuß der Treppe fügten sich zu sich drehenden Tanzpaaren zusammen statt zu scharfen Felszacken. Alles war wie immer.

Alles, freilich, außer ihm. Als er zuletzt in feiner Gesellschaft gewesen war, war er der eifrigste Teilnehmer gewesen. Heute hingegen …

Seine Hand schloss sich unwillkürlich fester um den Arm seiner Cousine. Sie wandte den Kopf und schaute ihn verwundert an.

„Schau nicht so gehetzt.“ Diana, Lady Cosgrove, sah in der pfauenblau schimmernden Seide herrlich aus.

Evan war nach dem Tode seines Vaters vor fast vierzehn Monaten nach Hause zurückgekehrt. In der ersten Zeit hatte er sich erst mit den Einzelheiten der Beerdigung und Trauerfeierlichkeiten, dann mit der Verwaltung des Landsitzes befassen müssen, den er geerbt hatte. Und, um bei der Wahrheit zu bleiben, der Gedanke, sich in Gesellschaft zu begeben, hatte ihn mit Widerwillen erfüllt. Das war albern; es war genug Zeit vergangen, dass sich alles geändert haben würde.

„Du wirst sehen“, sagte Diana gerade. „Es hat sich nichts geändert – nichts, worauf es ankäme, natürlich.“

„Wie wunderbar“, erwiderte er mit ausdrucksloser Stimme.

Sie plauderte munter weiter, schien von seinem Unbehagen nichts zu bemerken. „Ja, nicht wahr? Aber zieh nicht so eine Grimasse. Du warst so lange in Trauer, dass du vergessen hast, wie man sich amüsiert. Ich muss energisch darauf bestehen: Der große Entdecker wird heute Spaß haben.“

Er war Bergsteiger gewesen, nicht Entdecker. Aber es war witzlos, ihre falsche Wortwahl zu korrigieren.

Diana tätschelte ihm den Arm, zweifellos als aufmunternde Geste gedacht. „Du warst einer der Lieblinge Londons. Bevor du gegangen bist, hast du die Gesellschaft dominiert. Ich wünschte, du würdest dich jetzt entsprechend verhalten.“

Sie waren alles andere als tröstlich, die lästigen Erinnerungen, die sie damit heraufbeschwor. Evan ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Eine große Hausgesellschaft, aber selbst mit ein paar zusätzlichen Gästen aus der Umgebung war es immer noch ein kleinerer Ball. Von den neun oder zehn Paaren tanzte nur eine Handvoll. Der Rest stand in einer lockeren Gruppe am Rand des Saales, Punschgläser in der Hand.

Der Abend war noch jung, nur Evan fühlte sich uralt.

Das letzte Mal wäre er der Mittelpunkt der Menge gewesen. Seine Witze waren am lustigsten –, oder wenigstens waren sie von allen am lautesten belacht worden. Er war der Liebling der Gesellschaft gewesen – gut aussehend, beliebt und von allen gemocht.

Beinahe von allen. Evan schüttelte den Kopf. Er selbst hatte sich abgrundtief gehasst.

„Wenn es schon getan werden muss, dann muss es unerschrocken angegangen werden.“ Er richtete sich auf. „Lass uns gehen und uns zu den anderen gesellen.“

Er machte einen Schritt auf die versammelte Menge zu.

Diana hielt ihn am Arm fest. „Gütiger Himmel“, sagte sie. „Pass doch auf. Siehst du nicht, wer heute da ist?“

Er runzelte die Stirn. Er konnte nur ein paar Gesichter erkennen. Aus dieser Entfernung verschwommen sie ineinander, nur die hellen bunten Seidenkleider der Damen hoben sich von dem strengen Schwarz der Abendanzüge der Herren ab. „Ist das Miss Winston? Ich dachte, ihr wäret befreundet.“

„Neben ihr.“ Diana wäre nie so unerzogen gewesen, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, aber sie deutete mit ihrem Kinn in die Richtung. „Es ist Lady Pferd.“

Ah. Verdammt. Er hatte es sich jahrelang nicht gestattet, diesen grässlichen Spottnamen auch nur zu denken. Aber Lady Elaine Warren … sie war der Grund dafür gewesen, dass er damals Hals über Kopf England verlassen hatte. Ihm stockte der Atem, als eine Mischung aus Scham und Hoffnung in ihm aufwallte – und genauso wie vor all den Jahren ertappte er sich dabei, wie er auf der Suche nach ihr alle Frauen im Saal der Reihe nach anschaute, ihr Gesicht suchte.

Kein Wunder, dass er sie erst nicht gesehen hatte. Sie machte es anderen leicht, sie zu übersehen. Ihre Arme hielt sie eng am Körper, fest um ihre Mitte geschlungen, als könnte sie sich dadurch unsichtbar machen. Ihr Kleid, ein zartes Rosa, das so blass war, dass es auch als Weiß durchgegangen wäre, verstärkte unter all den bunten Farben die gedämpfte Gesamtwirkung ihrer Erscheinung. Selbst das Hellblond ihrer Haare, zu einem schlichten Knoten im Nacken aufgesteckt, schien sie als unbedeutend zu brandmarken. Es war einzig seine Erinnerung, die bewirkte, dass sie aus der Menge herausstach.

Er achtete darauf, beiläufig zu klingen, als er bemerkte: „Ich nehme an, sie ist nicht länger Lady Elaine. Wen hat sie letztlich geheiratet?“

„Ehrlich! Wer würde schon ein Mädchen heiraten, das wie ein Pferd lacht?“

Er schaute seine Cousine an. „Sei bitte ernst. Wir sind nicht länger jung und unerfahren.“ Selbst aus dieser Entfernung konnte Evan noch ihren üppigen Busen sehen. Als sie mit siebzehn in die Gesellschaft eingeführt worden war, hatte sie einige Aufmerksamkeit erregt, weil ihre Figur reifer war als für ihr Alter üblich. Ihm war es aufgefallen. Oft.

Sie war ganz anders gewesen als all die anderen Debütantinnen; nicht nur wegen ihrer Figur, sondern auch wegen ihres Lachens, diesem langen, lauten und lebensfrohen Lachen. Er hatte immer daran denken müssen, dass sie nichts zurückhielt, dass das Leben vor ihr lag und sie vorhatte, es nach Kräften zu genießen. Ihr Lachen hatte ihn immer an Betätigungen erinnert, die eindeutig unanständig waren.

„Es ist mein Ernst“, erwiderte Diana. „Lady Pferd hat nicht geheiratet.“

„Du nennst sie so doch nicht wirklich noch zehn Jahre später?!“ Er war nicht sicher, ob seine Worte ein Befehl oder eine Frage sein sollten.

Aber die Wahrheit spürte er mit eiskalter, würgender Gewissheit. Er konnte es an der Haltung von Lady Elaines Schultern erkennen, daran, wie sie den Kopf einzog, als könnte sie so vermeiden, gesehen zu werden. Er erkannte es an ihrem misstrauischen Blick, der nervös von einer zur anderen Seite zuckte.

„Komm schon, Evan. Du wirst doch nicht wollen, dass ich auf meinen Spaß verzichte, oder?“ Diana lächelte breit, aber ihre fröhliche Miene verblasste, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast selbst gesagt: ‚Ich kann nicht sagen, ob sie nun mehr wie ein Pferd oder ein Schwein lacht, aber …‘“

„Ich erinnere mich.“ Seine Stimme war leise. „Ich erinnere mich sehr gut daran, was ich gesagt habe. Danke.“

Er versuchte, es nicht zu tun.

Sie hatte nie aufgehört zu lachen, egal, wie sehr er sich über sie lustig gemacht hatte. Aber wenn sie in seine Richtung schaute, war ihr Blick über ihn hinweggeglitten, als sei er nicht mehr als ein unbedeutendes Möbelstück, nicht weiter der Rede wert. Im Verlauf einer Saison voller Spötteleien hatte er zugesehen, wie sie sich immer weiter in sich selbst zurückzog, bis die Lebensfreude, die ihn so unweigerlich zu ihr hinzog, völlig verschwunden war.

„Mach dir ihretwegen keine Sorgen“, sagte Diana gerade. „Sie ist ein Nichts. Es gibt keinen Mann hier, der in Erwägung zöge, eine Frau zu heiraten, die wie eine unselige Kreuzung zwischen Pferd und Schwein lacht.“

„Das habe ich gesagt.“ Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

„Evan, alle Welt hat das gesagt.“

Er war aus England geflohen, beschämt über das, was er getan hatte. Aber welche Reife auch immer er auf seinen Reisen in Übersee und auf dem Kontinent gewonnen hatte, er konnte spüren, wie sie ihm entglitt. Es wäre gar nicht schwer, wieder der selbstsüchtige Idiot zu sein, der sich nichts weiter dabei dachte, die Aussichten eines jungen Mädchens zu ruinieren, einfach, weil es seine Beliebtheit steigerte und andere zum Lachen brachte.

Diana beobachtete ihn erwartungsvoll. Ein Lächeln, eine Bemerkung über Elaines Gewieher, und er hätte die Billigung seiner Cousine zurück – und sein Schicksal besiegelt.

Er hatte recht gehabt. Dort unten waren scharfkantige Klippen, und die Schwerkraft tat ihr Bestes, um alles Gute, das er aus sich gemacht hatte, dort unten an den wartenden Felsen zerschellen zu lassen.

Sanft nahm er die Hand seiner Cousine von seinem Arm.

„Was tust du?“, fragte sie.

„Was glaubst du?“ Die Worte waren knapp und kurz angebunden. „Ich werde mit Lady Elaine tanzen.“

Aber sie missverstand sein kämpferisch gerecktes Kinn, denn statt besorgt zu wirken, verzogen sich ihre Lippen zu einem listigen und erfreuten Lächeln. „Oh Evan“, hauchte sie und berührte ihn ganz leicht am Ärmel. „Du bist wirklich furchtbar, sie derart zu hänseln. Es wird wie in alten Zeiten sein!“

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